Von geschlossenen Angeboten zu offenen Räumen – was junge Menschen kulturell bewegt

Ein Briefwechsel zwischen Dr. Ringo Rösener, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig, und Dr. Matthew Hines, Berater bei METRUM.

Dr. Matthew Hines: Im Rahmen Ihrer Arbeit sind Sie am sogenannten Werkstattbereich „Transfer durch Kokreation“ beteiligt. Könnten Sie die Projektbestandteile und -ziele erläutern? Wo und mit wem arbeiten Sie?

Dr. Ringo Rösener: „Transfer durch Kokreation“ ist ein Werkstattbereich des übergeordneten Transferprojekts „Handlungskompetenz der Kommunen stärken“ an der Universität Leipzig. Gefördert wird es in der Förderlinie „T!Raum – Innovation & Strukturwandel“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Ziel dieser Förderlinie ist es, strukturschwache Regionen zu stärken und zugleich Brücken zwischen Hochschulen und den Regionen zu bauen, in denen sie bislang häufig als „Elfenbeintürme“ wahrgenommen wurden.

Der Werkstattbereich „Transfer durch Kokreation“ konzentriert sich auf zwei Städte: Zeitz und Weißenfels. Beide sind von tiefgreifenden strukturellen Umbrüchen geprägt. Dazu gehört erstens der Transformationsprozess nach der Wiedervereinigung 1990, dessen Folgen – Steffen Mau spricht von „Friktionen“ – bis heute nachwirken: der Zusammenbruch industrieller Strukturen, Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Zweitens meint das den demografischen Wandel und die fortschreitende Überalterung. Hinzu kommt drittens der geplante Ausstieg aus der Braunkohleförderung, der spätestens ab 2038 wirksam wird.

Vor diesem Hintergrund will unser Projekt neue Grundlagen für gemeinsames Handeln erarbeiten. Beide Städte sind durch nicht realisierte Projekte und Ideen von Frustration und Beteiligungsmüdigkeit geprägt. Es fehlt an Erfahrungen von Selbstwirksamkeit – und damit auch am Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft.

Hier setzt „Transfer durch Kokreation“ an: Wir schaffen Räume und Formate, in denen Menschen selbstwirksam ihre Stadtgesellschaft mitgestalten können, und entwickeln Ansätze, die eigenverantwortliches Handeln in Kommunen stärken.


Dr. Matthew Hines: Mit solchen Gestaltungsräumen und -formaten sind unter anderem kulturelle Angebote gemeint. Unsere quantitative Analyse deutet darauf hin, dass es nicht an Versuchen mangelt, junge Menschen für die bestehenden Angebote zu gewinnen, sondern an neuen Angeboten, die jüngere Menschen mehr interessieren. Hat Ihre Zusammenarbeit diese These bestätigt?

Dr. Ringo Rösener: Diese Frage ist nur vorsichtig zu beantworten, da Kulturinstitutionen in Zeitz und Weißenfels eine untergeordnete Rolle spielen. Ihr traditionelles Angebot ist oft allzu bekannt und wenig attraktiv.

In Zeitz kooperieren wir daher eher mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen wie „Zeitz Hood“, einer Gruppe Jugendlicher, die Graffiti als Ausdrucksform nutzen. Unsere Perspektive ist dadurch spezifisch: Die Jugendlichen gehen ihrer kulturellen Neugier häufig in Leipzig nach, haben aber gelernt, dass sie auf sich zurückgeworfen sind, wenn sie etwas Neues erleben wollen.

Im „Aktionssommer“ in Zeitz konnten sie eigene Ideen umsetzen. Dabei zeigte sich: Es fehlt nicht an Interesse, sondern an Möglichkeiten. Gesucht werden Räume, Plätze und Gelegenheiten, eigene Vorstellungen und Fertigkeiten – wie zum Beispiel Graffitikultur – auszuleben.


Dr. Matthew Hines: Inwiefern spielen digitale Plattformen hierbei eine Rolle, die auch von kulturellen Anbietern besser genutzt werden könnten?

Dr. Ringo Rösener: Soziale Medien sind zentral. Die kulturellen und künstlerischen Ergebnisse werden dort eingespeist und entfalten eine eigene Form von Wirksamkeit. Das Posten gehört zur kulturellen und künstlerischen Produktion und ist Teil des eigenen Kulturschaffens. Auf diese Weise imitieren die Jugendlichen im Grunde den britischen Künstler Banksy.

Damit geht auch ein eigenes Verständnis von Ästhetik einher. Die Jugendlichen haben sich eigene Maßstäbe von Qualität erarbeitet, die sich nicht mehr allein an Kunstfertigkeit orientieren, sondern an der medialen Diskursfähigkeit – also an der Möglichkeit, damit in den sozialen Medien an Diskursen teilzunehmen und sie zu gestalten.

Ähnliches habe ich bei Studierenden in Leipzig beobachtet: Auch sie entwickeln eigene kulturelle Formen, statt Anschluss an Institutionen zu suchen. Deshalb möchte ich den Versuch unternehmen, hier einige riskante Thesen zu formulieren:

  1. Das eigene, selbstständige Produzieren von Kunst oder künstlerischen Produkten tritt in Konkurrenz zur Teilnahme an den klassischen Kulturinstitutionen.
  2. Die entstandenen künstlerischen Ausdrücke werden in die sozialen Medien eingespeist und entfalten hier erst ihre eigentliche Bedeutung.
  3. Gleichzeitig müssen die künstlerischen Ausdrücke diskursäquivalent sein.
  4. Diese Diskursäquivalenz bestimmt Thema, Ästhetik und die Bewertung der künstlerischen Produkte und ersetzt die klassische Kritik.
  5. Dieses am Diskurs orientierte Kunstverständnis distanziert sich von Exzellenz, stattdessen verbindet es einen hohen Anspruch an Fairness und Selbstverwirklichung.

Dr. Matthew Hines: Ein werteorientiertes Verhalten bei Jugendlichen würde demnach auch deren kulturelles Engagement beeinflussen, wenn etwa ein Theaterprogramm oder ein Ausstellungsvorhaben diesen Werten nicht entsprechen. Welche Konsequenzen lassen sich Ihrer Einschätzung nach davon ableiten?

Dr. Ringo Rösener: Diese Thesen sind nicht repräsentativ, sondern beziehen sich auf engagierte junge Menschen in unserem Projekt und auf meine persönlichen Beobachtungen. Dennoch, denke ich, sollten wir von einer veränderten kulturellen Wirklichkeit sprechen.

In der medial verfassten neuen Kulturwirklichkeit ist das selbständige Produzieren und die Präsenz in den sozialen Medien von entscheidender Bedeutung. Für große, etablierte Kulturinstitutionen bedeutet das zweierlei: Die professionelle Kunst sollte nicht nur auf der Bühne, sondern in den sozialen Medien zünden. Gleichzeitig gilt es, den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, die Infrastruktur etablierter Häuser selbständig für sich nutzen zu können. Die Häuser müssen in diesem Sinne zu Dienstleistenden werden.

Vor diesem Hintergrund sollten wir auch unseren Kulturbegriff bzw. unser Verständnis von Kultur befragen. Wir sollten Kultur und Kunst wesentlich breiter denken. Denn selbst in kleinen TikTok-Videos fließt viel kreative und künstlerische Energie. Sie sind Kunst, auch wenn sie bisher gesellschaftlich nicht als solche kodiert sind. Ändern wir unser Verständnis von Kultur, dann sehen wir vielleicht auch, dass gerade ländliche Räume eine Vielfalt künstlerischer Produkte und Projekte hervorbringen.

Wesentlich ist also, jungen Menschen eigenständige, nicht vordefinierte Räume zur Verfügung zu stellen. Jugendliche sind sehr stark in der Aneignung von Räumen und Plätzen, wenn man sie nur lässt. Empowerment und die Erfahrungen von Selbstwirksamkeit helfen den Jugendlichen dabei, eigenständig und vielleicht resilienter zu werden. So konnten wir in unserem Projekt erleben, dass die Jugendlichen von „Zeitz Hood“ wiederholt ihre Ansprüche und Wünsche kommunizieren konnten, sofern man sie dazu aufforderte. In diesem Sinne ist die schlichte Bereitstellung von Kulturangeboten durch Institutionen überholt. Nicht Angebote, sondern Möglichkeiten suchen Jugendliche.


Dr. Ringo Rösener (Jahrgang 1983) unterrichtet im Forschungsbereich „Kulturmanagement und Soziologie des kulturellen Feldes“ am Institut für Kulturwissenschaften in Leipzig. Er ist Koordinator des Werkstattbereichs „Transfer durch Kokreation“ im BMFTR Projekt „Handlungskompetenz der Kommunen stärken“. Außerdem forscht er zum Kino als kulturellem Ort. Er ist Autor des Dokumentarfilms „Baldiga – Entsichertes Herz“ (2024, Regie: Markus Stein) und Co-Regisseur von „Unter Männern – Schwul in der DDR“ (2012); beide Filme feierten Premiere auf der Berlinale. Zudem ist er Herausgeber von Heinrich Blücher: „Versuche über den Nationalsozialismus“ (2020) und betreute das Projekt www.bluecher-project.com. Rösener wurde mit der Arbeit „Freundschaft als Liebe zur Welt. Im Kino mit Hannah Arendt“ (2017) an der Universität Freiburg promoviert. Er studierte Kulturwissenschaften, Theaterwissenschaft und BWL in Leipzig und Bologna.