Meike Schlicht: Liebe Frau Sternfeld, anknüpfend an den Impuls von meiner Kollegin Theresa Schnell könnte ich mir für den Briefwechsel dieser Ausgabe keine bessere Partnerin vorstellen als Sie! Sie sind Geschäftsführende Direktorin des Europäischen Hansemuseums und ICOM Deutschland Präsidentin.
Wären Sie so nett, für unsere Leserinnen und Leser kurz einzuordnen, worin die Anpassung der ICOM-Museumsdefinition 2022 bestand? Gab es einen konkreten Auslöser dafür? Wer hatte die Initiative für die Anpassung ergriffen?
Dr. Felicia Sternfeld: Die Initiative zur Erarbeitung einer neuen ICOM-Museumsdefinition ging maßgeblich von der weltweiten ICOM-Mitgliedschaft aus, unterstützt von Fachverbänden, nationalen Komitees und dem Zentralbüro, gemeinsam eine zeitgemäße, global anschlussfähige Definition zu entwickeln. Die Anpassung der Definition entstand dann in einem mehrjährigen internationalen Konsultationsprozess, angestoßen durch den Wunsch, gesellschaftliche Entwicklungen stärker im Selbstverständnis von Museen abzubilden. Aspekte wie Teilhabe, Vielfalt, Zugänglichkeit und Nachhaltigkeit, die längst zur Praxis gehören, sollten auch normativ sichtbar werden. Die neue Definition erweitert daher die traditionell objektorientierte Perspektive um gesellschaftliche Verantwortung, Dialog, Partizipation und Gemeinwohlorientierung, ohne die klassischen Kernaufgaben – Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln – aufzugeben.
Meike Schlicht: Danke für die Einordnung, liebe Frau Sternfeld. Auf die Praxis bzw. betrieblichen Realitäten würde ich gerne näher eingehen. Ist die Umsetzung der neuen ICOM-Museumsdefinition primär eine Frage des „Mindsets“, sprich der Frage, wie man die Dinge tut? Oder würden Sie sagen, dass für die Museen auch neue, zusätzliche Aufgaben entstanden sind? Wenn das so ist, könnte man sich fragen, wie es wirklich gelingen kann, dass die Institutionen neue Aufgaben ohne die Vernachlässigung anderer, bereits vorhandener Aufgaben umsetzen. Steigende Budgets sind ja nicht die Regel. Was ist Ihre Beobachtung dazu: Wie gehen Museen mit dieser „Zwickmühle“ um?
Dr. Felicia Sternfeld: In der Praxis zeigt sich: Die neue Museumsdefinition führt nicht einfach zu „mehr Aufgaben“, sondern zwingt Museen dazu, Routinen neu zu justieren. Partizipation bedeutet nicht, zusätzliche Projekte obendrauf zu setzen, sondern beispielsweise frühzeitiger und transparenter mit Communities zu arbeiten. Das kostet eher Zeit als Geld – verändert aber Abläufe. Ähnlich bei Nachhaltigkeit: Viele Häuser überarbeiten Logistik, Transportwege oder Ausstellungstechnik, ohne zusätzliche Mittel. Zugleich entstehen reale Mehrbedarfe, etwa in barrierefreier Kommunikation oder im Ausbau digitaler Zugänge und Services. Museen reagieren darauf, indem sie noch konsequenter priorisieren und Gewohntes hinterfragen: Muss jede Ausstellung neu gebaut werden? Lässt sich Expertise teilen – etwa in regionalen Netzwerken? Die Definition hilft, mutiger zu entscheiden, was wirklich zum Auftrag gehört. Die Zwickmühle lässt sich nicht völlig auflösen, aber durch Fokus, Kooperation und klare strategische Linien entschärfen.
Meike Schlicht: Bleiben wir noch einen Moment beim Stichwort „Fokus“. Ich finde, dass durch gemeinsame Herausforderungen die Arbeit von Kulturinstitutionen in mancher Hinsicht „selbstähnlicher“ geworden ist: in der Positionierung als Dritte Orte, in der Nutzung von Formaten wie „Labs“, im Verständnis als „offene Diskursräume“, etc. Ich lese teilweise Leitbilder, bei denen ich nicht mehr erkenne, ob sie für ein Theater, ein Museum oder ein Konzerthaus stehen. Wo sehen Sie bei allen übergeordneten Herausforderungen das Museumsspezifische? Beziehungsweise: Haben Sie abschließend einen „Tipp“, wie es Museen gelingen kann, mit ihren unverwechselbaren Profilen erkennbar zu bleiben und sich zu transformieren?
Dr. Felicia Sternfeld: Museen besitzen etwas, das sie grundlegend von anderen Kultureinrichtungen unterscheidet: Sie arbeiten mit Dingen – mit materiellen Zeugnissen, die Geschichte, Identität und Erfahrung in sich tragen. Diese Objekte sind Erkenntnisquelle und begründen die besondere Autorität und Glaubwürdigkeit von Museen.
Damit Museen in Zeiten des Wandels unverwechselbar bleiben, brauchen sie Klarheit über ihr Profil und den Mut, nicht alles machen zu wollen. Die eigene Sammlung sollte daher auch Ausgangspunkt für Fragen und Perspektiven sein, nicht Dekoration beliebiger Themen. Ebenso wichtig ist Haltung: Museen müssen transparent zeigen, warum sie etwas tun – und auch, warum sie etwas bewusst lassen. Kooperationen helfen zusätzlich, Unterschiede sichtbar zu machen und Profile zu schärfen.
Transformation gelingt nicht durch Angleichung, sondern durch die Weiterentwicklung der eigenen Stimme – auf Grundlage dessen, was nur Museen können: mit echten Dingen echte Erkenntnisse ermöglichen.
Meike Schlicht: Liebe Frau Sternfeld, ich danke Ihnen für Ihre Überlegungen rund um meine Ausgangsfrage nach der ICOM-Museumsdefinition. Wir werden sicher beide aus unserer jeweiligen Perspektive weiterverfolgen, was sich in der Branche tut: Welche Projekte Erfolg haben, wie Strukturen und Betriebskulturen sich ändern. Ich freue mich darauf und wünsche Ihnen für Ihre Arbeit am eigenen Haus sowie für ICOM Deutschland alles Gute!
Dr. Felicia Sternfeld, geboren in Aachen, ist Kunsthistorikerin und leitet seit 2015 das Europäische Hansemuseum Lübeck als Geschäftsführende Direktorin. Seit dem 01.01.2023 ist sie zudem Präsidentin von ICOM Deutschland und seit 13.11.2025 Mitglied im Vorstand von ICOM Europe. Ihr Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Politik absolvierte sie in Münster, Regensburg, Bochum und Paris. 2004 promovierte sie bei Prof. Hans Ost in Köln über den Maler Georg Scholz. Ihre beruflichen Stationen umfassen unter anderem Tätigkeiten bei der Galerie Peerlings Krefeld, Christie’s (u. a. Berlin), den Im Kinsky Kunst Auktionen Wien und der Museumsnacht KAMUNA in Karlsruhe. Darüber hinaus war sie in leitender Position bei der Kunstmesse art KARLSRUHE tätig und als Direktorin des TheaterFigurenMuseums Lübeck.
