Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat jüngst den Schauspieler Timothée Chalamet in die Oper eingeladen, damit er ihren Zauber erleben kann – aber nicht einfach nur aus Freundlichkeit, sondern als Reaktion auf eine vermeintlich abfällige Bemerkung des Kinostars. Dieser hatte nämlich am Rande eines Interviews gesagt, er sei froh, dass er nicht in einer Kulturbranche arbeite, die man am Leben erhalte, obwohl sie kaum noch jemanden interessiert, so wie dies bei Ballett oder Oper der Fall sei.
Es gibt sicher viel, was man an dieser flapsigen Anmerkung kritisieren kann – aber es drängt sich unter anderem die Frage auf, ob dieser Unterschied in der Wertschätzung auch etwas mit dem Alter zu tun hat: Herr Weimer ist 61, Herr Chalamet ist 30.
Nachdem ich gerade einen Beitrag zum Alter des Kulturpublikums für einen bald erscheinenden Band des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf) und der Friedrich-Ebert-Stiftung eingereicht habe, möchte ich zu diesem Anlass drei Fragen zum Alter des Publikums von Theater und Oper besprechen. Die verwendeten Daten stammen dabei erstens von der AWA (Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse) des Instituts für Demoskopie Allensbach und zweitens von der Bevölkerungsbefragungsreihe „Kulturelle Teilhabe in Berlin“ des IKTf, und die methodischen Details sind dann dieser Veröffentlichung zu entnehmen.
Ist das Publikum wirklich überaltert – und wenn ja, ist das ein Problem?
Die kurze Antwort ist ja. Für die deutsche Gesamtbevölkerung mit Alter über 14 liegt das Durchschnittsalter in 2024 bei 51 Jahren, in den Daten der AWA liegt das vergleichbare Durchschnittsalter der regelmäßigen Theater- und Opernbesuchenden über 14 in 2024 bei 59 Jahren, also acht Jahre höher.[1]
Das alleine scheint mir nicht problematisch. Ja, das bedeutet, dass viele Steuergelder auf eine Weise ausgegeben werden, die den Älteren mehr zugute kommen als den Jüngeren. Aber wir geben auch Steuergelder für Dinge aus, die jüngeren Menschen mehr zugute kommen, z. B.. für Sportplätze. Natürlich sollten sich Theater und Opernhäuser bemühen, jüngere Menschen gezielter anzusprechen – und das tun sie auch – und natürlich sollte es Sportangebote für Ältere geben, und die gibt es auch. Aber wenn eine altersbedingte persönliche Präferenz bleibt, so erscheint mir das nicht problematisch. Denn zu Ende gedacht ist die Forderung, jeder einzelne Steuer-Euro müsse auf eine Weise ausgegeben werden, die allen Bevölkerungsgruppen gleichermaßen nutzt, offensichtlich absurd.
Wird die Überalterung stärker – und wenn ja, ist das ein Problem?
In den Daten lag analog betrachtet 1999 das Durchschnittsalter der Bevölkerung mit Alter über 14 bei 47 Jahren, und das Durchschnittsalter der regelmäßigen Theater- und Opernbesuchenden bei 50 Jahren, also nur drei Jahre höher. Der Anstieg des Durchschnittsalters der deutschen Gesamtbevölkerung von 1999 nach 2024 um vier Jahre ist durch den demografischen Wandel bedingt. Aber was verursacht den übermäßigen Anstieg bei den regelmäßigen Theater- und Opernbesuchenden um neun Jahre im gleichen Zeitraum? In der eingangs erwähnten Publikation konnte ich zeigen, dass ein „Generationseffekt“ eine sehr gute Erklärung für diesen Anstieg ist. Wenn man annimmt, dass die Präferenzen der Menschen im Verlauf des Lebens konstant bleiben und dass die Menschen immer älter werden, ergibt sich in meinem Rechenmodell ziemlich genau dieser Anstieg seit 1999.
Im Gegensatz zur Überalterung ist das nun schon eher ein Problem. Denn wenn diese Entwicklung weitergeht, werden die Menschen mit der stärkeren Präferenz für Theater und Oper irgendwann „aussterben“. Sicher wird es nicht so kommen, wie Herr Chalamet sagt, dass diese Angebote dann kaum noch jemanden interessieren. Aber das Interesse an ihnen könnte spürbar zurückgehen. Nun ist das eine langfristige Entwicklung, und es handelt sich, weil es viele andere Einflüsse in der nächsten Jahrzehnten geben könnte, nicht um eine Vorhersage, sondern um einen Faktor von vielen. Aber wenn es so kommt, wird sich mit mehr Berechtigung als derzeit die Frage stellen, ob die Förderkulisse noch angemessen ist.
Kann man etwas gegen die Überalterung tun? Und wenn ja, was?
Das Thema ist nicht neu, und viele Kulturinstitutionen sprechen sehr aktiv jüngere Menschen an. Aber was können die Institutionen dafür tun, die Präferenzen jüngerer Menschen noch mehr in Richtung der klassischen Angebote zu ändern? Die Daten aus Berlin lassen eine interessante Schlussfolgerung zu, nämlich: nichts. Personen, die heute über 50 Jahre alt sind, haben in ihrer Jugend nicht öfter Theater gespielt oder Musik gespielt als jüngere Menschen und waren in ihrer Jugend auch nicht öfter in der Oper. Die verbreitete Vorstellung, dass der frühe Kontakt die wesentliche Rolle bei der lebenslagen Prägung spielt, scheint damit fragwürdig.
Eine andere Sache scheint im Zentrum zu stehen: In Berlin gaben von den Personen unter 50 Jahre ca. 60 % an, dass sie mehr in die Oper gehen würden, wenn die Angebote sie mehr interessieren würden. Bei den Personen über 50 Jahre machten diese Angabe nur ca. 40 %. Ebenso lag die Antwortoption „diese Angebote richten sich einfach nicht an Menschen wie mich“ bei den Jüngeren bei ca. 40 % und bei den Älteren nur bei ca. 30 %.
Aus meiner Sicht kann man daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass die Institutionen gegen die problematisch fortschreitende Überalterung nicht viel ausrichten können, wenn sie versuchen, die jüngeren Publika durch frühen Kontakt an die klassischen Angebote anzupassen. Stattdessen scheint es nötig, die Angebote an die jüngeren Menschen anzupassen.
Wie die Anpassung aussehen kann, ergibt sich aus den betrachteten Daten nicht. Denkbar sind neue Formate, die z. B. auch vom örtlichen her ein ganz anderes Setting bieten. Oder neue Narrative, z. B. wenn der thematische rote Faden eines Konzertabends ein aktuelles Thema detailliert aufgreift.
Aber aus meiner Sicht spielen die Stoffe selbst die entscheidende Rolle: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mich die Oper „We are the Lucky Ones“ bei der Ruhrtriennale 2025 besonders beeindruckt hat – einfach, weil der Stoff vergleichsweise nah an meiner Lebensrealität war.
Mit solchen neuen Angeboten, die mehr an den nachfolgenden Generationen ausgerichtet sind, wären Theater und Opern dann auch in 50 Jahren noch so aufgestellt, dass sie niemand künstlich am Leben erhalten muss.
[1] Weil in den Daten der AWA Theater und Oper in einer Frage abgefragt wird, ist das hier vermischt. Andere Studien zeigen aber, dass der Effekt zwar bei beiden vorliegt, aber in der Oper deutlich stärker ist als im Theater.
